Marie-Luise Hinrichs - Klavier  
 
Interviews
 




Hildegard von Bingen Vocation

GIOVANNI PERGOLESI (1710-1736)
Stabat Mater - arr. für Klavier von Marie-Luise Hinrichs

DOMENICO SCARLATTI (1685-1757)
Klaviersonaten

Marie-Luise Hinrichs, Klavier
cpo 555 103-2

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Klassik Heute, 19.06.2017

Zwei Facetten ihrer überaus vielschichtigen Künstlerpersönlichkeit präsentiert die Pianistin Marie-Luise Hinrichs auf der vorliegenden CD. Mit der Transkription von Vokalmusik auf das Klavier hatte sie sich und den Musikliebhabern bereits das Werk von Hildegard von Bingen erschlossen. „Da ich keine Sängerin bin, wollte ich die Lieder gerne auf dem Klavier spielen“, begründete sie seinerzeit ihr Vorhaben und hat diese Motivation für die Einspielung ihrer Klavierversion von Pergolesis berühmten Stabat Mater auf der vorliegenden CD in ähnlichen Worten wiederholt: „Die Musik ist so tief berührend, dass es mir ein großes Anliegen war, diese auf dem Klavier zu spielen und die Musik dafür umzuschreiben.“
Die geistliche Dichtung über die Schmerzen der Gottesmutter unter dem Kreuz entstammt dem Mittelalter und wurde von Josquin Desprez über Palestrina bis zu Zeitgenossen wie Krzysztof Penderecki und Arvo Pärt von einer Unzahl Komponisten vertont. Pergolesis Version ragt seit ihrer Entstehung an Popularität aus der Menge der Vertonungen hervor, möglicherweise auch durch den Umstand, dass sie den Schwanengesang des Komponisten darstellte, der bald nach Abschluss des Stabat Mater mit nur 26 Jahren an Tuberkulose starb. J. S. Bach, ohnehin ein großer Bewunderer der italienischen Musik, war von dem Werk seines bereits verstorbenen Kollegen (gleichaltrig mit seinem ältesten Sohn Wilhelm Friedemann) so angetan, dass er es in eine Parodie-Kantate verwandelte: Tilge, Höchster, meine Sünden BWV 1083. Ihr Text beruht auf dem Psalm 51, einem Bußpsalm. So schildert Bachs Kantate anstelle der Schmerzen der Gottesmutter unter dem Kreuz die Gefühle eines seiner Sündhaftigkeit sich bewussten lutherischen Christen, der im Kreuzestod des Heilands die einzig selig machende Gnade Gottes findet und in ihr das Ziel seiner eigenen Hoffnung auf Erlösung.
Im Gegensatz zur breiten Bewunderung, die bald nach Pergolesis Tod für sein Stabat Mater einsetzte, kritisierte der berühmte Kontrapunktiker Padre Martini, der heute besonders durch die Begegnung mit dem Wunderkind Mozart in Erinnerung ist, das Werk und befand es wegen seiner Nähe zu den musikalischen Ausdrucksmitteln der Oper als ungeeignet, das Pathos des Textes passend darzustellen.
Es ist unwahrscheinlich, dass Marie-Luise Hinrichs mit ihrer emotionalen Durchleuchtung der vielschichtigen affektiven Aspekte den stockkonservativen Altmeister hätte überzeugen können, dass auch der galante Stil dieser Zeit geistliche Musik hervorbringen konnte, wenn nur eine tiefe Frömmigkeit dabei die Feder führt. Nun ist Padre Martini seit 1784 tot, heutige Hörer kann Frau Hinrichs absolut auf den Weg mitnehmen, auf dem sie nach eigenem Eingeständnis ihr eigener Glaube begleitet hat.
Im Anschluss an die spirituelle Reise zu Pergolesis Stabat Mater präsentiert sich Marie-Luise Hinrichs noch mit fünf Sonaten Domenico Scarlattis als sensible Gestalterin: Mit diesen wenigen Stücken, nur eine kleine, aber klug getroffene Auswahl angesichts des funkelnden Kosmos von Scarlattis vielen hundert Sonaten (doch von welcher Breite der musikalischen Thematik und von welch universellem Charme!) zeigt die Pianistin, dass ihr moderner Flügel sich ebenso gut eignet, alle Aspekte der reichen Sonatenlandschaft Domenico Scarlattis gültig darzustellen, wie auch, Grenzen zu überschreiten und ein 380 Jahre altes Lieblingsstück der geistlichen Musik in neuem Gewand zu präsentieren.

Detmar Huchting 19.06.2017


Marie-Luise Hinrichs presents two facets of her multifarious talent as a pianist on this CD. Piano transcriptions of vocal music were already the hallmark of her previous release, where she explored the works of Hildegard von Bingen. "Since I am not a singer, I so much wanted to play those Medieval songs on the keyboard": that was the reason quoted by Hinrichs for choosing to record the Hildegard project, and she similarly describes her motivation for recording Pergolesi's well-known Stabat Mater on the current release. "This music is so profoundly moving that I felt a great wish to play it on the piano by transcribing it."

The sacred poem evoking the pain and suffering of the Mother of God at the foot of the Cross originated in the Middle Ages and has been set to music by a great number of composers including Josquin Desprez and Palestrina up to the current age with Krzysztof Penderecki and Arvo Pärt. Pergolesi's version has always been the most popular of all, perhaps because of the well-known fact that the piece was the composer's swan song. Pergolesi died from tuberculosis at the young age of 26, shortly after having finished writing his Stabat Mater. J. S. Bach, a great admirer of Italian music, was so impressed with this setting by a late colleague (of the same age as his own eldest son Wilhelm Friedemann) that he transformed it into a "parody" cantata: Tilge, Höchster, meine Sünden BWV 1083. The text of Bach's cantata is based on Psalm 51, a psalm of penitence. Thus, instead of portraying the sorrow of the Mother of God at the foot of the Cross, Bach's version evokes the emotions of a Lutheran Christian who is aware of his sinful nature and finds God's redeeming grace, the only goal of his hope and salvation, in the Savior's death on the Cross.

As opposed to the widespread admiration that soon emerged for Pergolesi's Stabat Mater after the young composer's death, the renowned counterpoint teacher Padre Martini (still remembered today for his encounter with the young Wunderkind Mozart) criticized the work, finding its musical expression akin to operatic style quite unsuitable for the pathos contained in the Latin text.
Despite Marie-Luise Hinrichs's emotionally fitting interpretation of the variegated affects evoked in Pergolesi's music, she probably could not have convinced Martini, that staunch, conservative master of old counterpoint, that the Gallant Style of his day was also quite capable of producing appropriate sacred music, provided the pen was wielded by a sincerely devout composer. No matter: Padre Martini died in 1784, and Hinrichs has every right to take her listeners down the path which her faith has led her to choose, as she readily professes in the liner notes.

After her spiritual journey through Pergolesi's Stabat Mater, Marie-Luise Hinrichs also proves her worth as a sensitive musical interpreter in five keyboard sonatas by Domenico Scarlatti. With just a few pieces – a brief, well-chosen selection in view of Scarlatti's scintillating cosmos of several hundred sonatas (yet what a wide range of musical subjects they contain, and what universal charm they exude!) – the pianist shows that the modern grand piano is just as capable of rendering every facet of Scarlatti's richly variegated sonata landscape, an instrumental vehicle she aptly employs in order to cross conventional boundaries and present a 380-year-old, popular favorite of sacred music in a new guise.

Detmar Huchting [19 June 2017]

 

Ihr Opernratgeber (Herausgeber: Sven Godenrath)

Giovanni Battista Pergolesi: Stabat Mater /
Dominico Scarlatti: 5 Sonaten –
Marie-Luise Hinrichs (CPO)

Was kann man tun, wenn man sich als Pianistin von der gängigen Klavierliteratur nicht mehr genügend gefordert fühlt bzw. wenn man etwas einmaliges Schaffen möchte. Zum einen kann man selber kompositorisch tätig werden, man kann die gängige Klavierliteratur am Instrument versuchen gegen den Strich zu bürsten, ein Kunstgriff, der allerdings nicht immer und auch nicht allen gelingt oder aber man sucht sich ein bekanntes Werk, eines bekannten Komponisten, in diesem Falle war es das Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi (eine Neuveröffentlichung hat der Verfasser erst vor kurzem besprochen) und richtet für dieses Werk basierend auf der Orchesterfassung eine Fassung für Klavier ein. Dieses hat jetzt für CPO Marie Luise Hinrichs übernommen und gibt diesem Werk am Klavier einen durch und durch eigenständigen Charakter. Wenn man dem Spiel von Marie Luise Hinrich folgt und auch bereit ist ihrem kompositorischen Interpretationsstil zu folgen, erwartet einen eine musikalische Schöpfung, von der man denk sie wäre nie anders zu hören gewesen, so authentisch und überzeugend gelingt hier die kompositorische Neuausdeutung und die damit einhergehende Interpretation am Klavier. Eine hochinteressante CD, die man gehört haben sollte. Abgerundet wird diese CD mit den Sonaten K 551, K 9, K 64, K 159 und K 380 von Domenico Scarlatti. Marie Luise Hinrich bevorzugt auf dieser CD einen eher härteren Anschlag.

Veröffentlicht am Juni 18, 2017 von Sven Godenrath

 

 



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